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Roman Voosen / Kerstin Signe Danielsson: Der rote Raum. Ein Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss

„Roter Raum. […] In David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks stand Red Room für einen geheimnisvollen metaphysischen Zwischenraum, einen Übergang zwischen realer und Traumwelt, ein surrealer, unheimlicher Ort. In Stanley Kubricks Horrorklassiker Shining taucht der Begriff in der Variante Redrum zunächst als Inschrift auf einer Wand auf, ein Motiv, das sich mehrmals wiederholte und sich später als gespiegelte Version des Wortes Murder, Mord, entpuppte. Es gab einen japansichen Horrorfilm, der Red Room hieß, einen Strindbergroman, eine Kurzgeschichte von H. G. Wells, einen auf Sadomasochismus ausgelegten Raum in Fifty Shades of Grey, ein Symbol für das Unterbewusste in Charlotte Brontës Roman Jane Eyre, ein tödliches Trainingsprogramm im Marvel-Comic Black Widow sowie ein Henri-Matisse-Gemälde, das den Betrachter verwirrte, weil es dem Auge keinen zentralen Betrachtungspunkt anbot. Gerüchten zufolge gab es Orte im Darknet, die sich Red Rooms nannten, wo man gegen Bezahlung Livestreams von echten Folterungen oder sexuellem Missbrauch sehen konnte. Allen Verwendungen des Begriffs war […] ein gewisser Nachklang gemein, etwas Irritierendes, das sich in verschiedenen Graden von metaphysisch über unbehaglich bis hin zu verstörend differenzierte […], einen verbotenen, lockenden, düsteren Raum, eine lustvolle Hölle, die wir alle irgendwo in uns tragen. Denn nur so ist zu erklären, wie fest verwoben das Motiv des roten Raums […] in unserer modernen Kunst- und Kulturgeschichte ist […]: indem es in uns ein Echo findet.“ (Pos. 4347 ff.)

 

Er ist, gelinde gesagt, bizarr, der Anblick, der sich Kommissarin Ingrid Nyström bietet: In einem luxuriösen Wohngebäude wird der grotesk zugerichtete Leichnam eines alleinstehenden, zurückgezogen lebenden Informatikers gefunden. Dem Mann wurde das Herz entnommen und an dessen Stelle ein Stück seltenen Gesteins nicht-irdischen Ursprungs in den Brustkorb gelegt. Wie sich bald herausstellt, entkamen er und sein Bruder als Kinder nur knapp dem erweiterten Suizid seiner Eltern. Hat sein Bruder, der von dem traumatischen Erlebnis schwere geistige und seelische Schäden davongetragen hat und nun als kauziger Einsiedler im heruntergekommenen Elternhaus lebt, etwas mit dem Mord zu tun?

 

Zur gleichen Zeit verschlägt es Stina Forss, die nach dem letzten gemeinsamen Fall mit Ingrid nach Stockholm gezogen ist, nach Kiruna. Ein ebenso unbeliebter wie brutaler Automechaniker ist tot in seiner Werkstatt aufgefunden worden, begraben unter einer zusammengebrochenen Hebebühne. Die Werkstatt war von innen abgeschlossen, alle Fenster zu, von Fremdeinwirkung keine Spur – allem Anschein nach ein Unfall – wäre da nicht die fehlende Leber des Toten.

 

Hängen die beiden Fälle zusammen? Läuft ein psychopathischer Serienkiller durchs mittsommerliche Schweden, der seinen – gar willkürlich ausgewählten? – Opfern die Organe entnimmt, um – ja, was eigentlich? – damit zu tun? Ingrid und Stina beginnen, fieberhaft zu ermitteln: erstmals ohne einander und überdies mit ihren eigenen inneren Dämonen kämpfend. 

 

Der rote Raum ist der neunte Band der Krimireihe um die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss – und, wie ich zugeben muss, mein erster. (Allerdings, so viel sei schon jetzt gesagt, nicht mein letzter!) Dem Autorenehepaar Voosen/Danielsson gelingt es vortrefflich, die kontrastreiche Atmosphäre zwischen dem sommerlichen, beschaulichen Småland einerseits und dem nordschwedischen Industriestandort Kiruna sowie den bizarren, verstörenden Begleitumständen der Mordfälle andererseits heraufzubeschwören, die in einem reizvollen Spannungsverhältnis zueinanderstehen. Zudem geben sie ihren Figuren den nötigen Raum, um ihren jeweiligen Charakter greifbar zu machen, ohne sich dabei in Details, Redundanzen oder Überflüssigem zu verlieren. Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen hat, war die Einbettung der Handlung in einen, nennen wir es, gesellschaftlich-schwedischen Zusammenhang: So wird Stina in Kiruna mit der Situation der Samen, ihrem geringen sozialen Status und den Vorurteilen und Diskriminierungen, denen sie sich oftmals ausgesetzt sehen, konfrontiert. Überhaupt wirkt der Roman in vielerlei Hinsicht sehr gut recherchiert, sodass ich neben der spannenden Story auch erstaunlich viele Denk- und Wissensimpulse erhielt, die übe reine gewöhnliche Krimilektüre weit hinausgehen. Mein einziger Wermutstropfen ist das Ende: Die Auflösung ist ohne jeden Zweifel überraschend und kreativ, wirkt dadurch aber leider auch etwas arg konstruiert.

 

Nichtsdestotrotz bietet Der rote Raum beste Krimiunterhaltung – und ich freue mich schon darauf, die übrigen Bände zu lesen.

 

[Werbung/Rezensionsexemplar. Ich danke NetGalley und Kiepenheuer & Witsch herzlich für das mir kostenlos zur Verfügung gestellte E-Book.]

 

Roman Voosen / Kerstin Signe Danielsson: Der rote Raum. Ein Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss. Kiepenheuer & Witsch 2021 (E-Book)

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