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Emi Yagi: Frau Shibatas geniale Idee

Frau Shibata hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Frau Shibata verfügt über Berufserfahrung. Frau Shibata ist in keinerlei Hinsicht weniger qualifiziert, weniger erfahren, weniger belastbar als ihre – männlichen – Kollegen in der Verwaltung der Papierfabrik, in der sie arbeitet. Und doch ist es stets Frau Shibata, die unliebsame, lästige, anspruchslose Tätigkeiten in der Abteilung ausführen muss. Einzig, weil sie eine Frau ist. Als ihr eines Tages wieder einmal ein solcher Handlangerjob aufgetragen wird, platzt Frau Shibata – natürlich ganz leise und unbemerkt – der Kragen und ihr kommt die titelgebende geniale Idee: Frau Shibata weigert sich. Allerdings nicht als Akt offener Rebellion, sondern mittels einer Finte: Frau Shibata behauptet, schwanger zu sein. Und plötzlich gestaltet sich ihr Berufsleben vollkommen anders: Auf Frau Shibatas „Umstände“ wird Rücksicht genommen, die Aufgaben werden anders verteilt, Überstunden nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt. Da die Lüge nun einmal in der Welt ist, zieht Frau Shibata ihre vermeintliche Schwangerschaft gnadenlos durch, geht zur Schwangerschaftsgymnastik, findet unter den werdenden Müttern dort sogar Freundinnen. Plötzlich sieht sich die oftmals etwas einsame, von den meisten übersehene Frau Shibata in einer für sie gänzlich neuen Situation. Und eines ist klar: An ein Aussteigen oder gar Enthüllen der wahren Umstände ist nicht mehr zu denken, und Frau Shibata beginnt selbst an ihre Schwangerschaft zu glauben …

 

Die Grundidee von Emi Yagis Roman Frau Shibatas geniale Idee (aus dem Japanischen von Luise Steggewetz) ist zweifellos äußerst reizvoll: Eine bis dato unauffällige junge Frau greift zu einer List, die nur ihr als Frau möglich ist, um sich im männlich dominierten Berufsumfeld zu behaupten, und ist dabei unbeirrbar. Emi Yagi erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin auf eine hinreißend unaufgeregte und gleichzeitig eindringliche Art, die mich rasch in ihren Bann gezogen hat. Dabei gelingt es ihr, die patriarchalen Strukturen der japanischen Gesellschaft, ja die japanische Kultur ebenso subtil wie trocken zu charakterisieren. All das bereitete mir ein außerordentliches Lesevergnügen. Und doch las ich den Roman mit einer gewissen unterschwelligen Beklemmung ob des, sagen wir’s ehrlich, eigentlich unfassbaren Tricks, zu dem ihre Protagonistin greifen muss, um sich den Respekt zu verschaffen, den jeder Mensch verdient, um endlich als Person, als Mitarbeiterin, als Frau wahrgenommen, ernst genommen, für voll genommen zu werden. Das hatte für mich nur wenig mit dem diesem Roman vielerorts attestierten Feminismus zu tun, im Gegenteil. Desungeachtet ist Frau Shibatas geniale Idee eine interessante Lektüre, die ihren Leser*innen nicht nur sehr gut unterhält, sondern auch auf betont leichtfüßige Art ein vielschichtiges, vielen vermutlich wenig vertrautes Gesellschaftssystem porträtiert.

 

[Werbung/Rezensionsexemplar. Ich danke NetGalley sowie Atlantik bzw. dem Hoffmann und Campe Verlag herzlich für die kostenlose Bereitstellung des E-Books.]

 

Emi Yagi: Frau Shibatas geniale Idee. Aus dem Japanischen von Luise Steggewetz. Atlantik / Hoffmann und Campe Verlag 2021. (E-Book)

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