„Wir sind allein mitten auf dem Meer – wir und der Schein, den wir wahren.“
„Wir“ – das sind die Gastgeber und ihr erwachsender Sohn sowie zwei weitere Ehepaare: die Männer Manager im Unternehmen des Gastgebers, die Frauen ihre Accessoires. Doch der Trip mit der Luxusyacht vor den Philippinen ist kein Firmen-Incentive, keine Belohnung für herausragende Leistungen, das wird schnell klar. Vielmehr ist er … ja, was eigentlich? Fest steht: Es geht um etwas Großes, „etwas, das jeder ahnt, aber keiner zu wissen scheint“. Und je weiter die Yacht sich von der Sicherheit des Festlands entfernt, umso mehr geraten auch die Gewissheiten der Passagiere ins Wanken. Die gepflegte Fassade, die man aufrechterhält. Die gesellschaftliche Rolle, die man spielt. Und letztlich die eigene Identität.
Das Setting – eine Luxusyacht auf hoher See, ein elitärer Zirkel von Figuren, die teils direkt, teils indirekt miteinander verbunden sind, ohne einander wirklich zu kennen – lässt zunächst an einen typischen Closed-Circle-Thriller denken, den man so oder so ähnlich schon zigfach gelesen hat. Doch Anne Freytag hat – und das kann man gar nicht hoch genug loben – anderes im Sinn. Ihr Blaues Wunder entwickelt sich zu einem psychologischen Kammerspiel, erzählt aus der Perspektive der drei Ehefrauen, die sich nach und nach als weit mehr erweisen als nur schmückendes Beiwerk.
Mit großer erzählerischer Präzision trägt Anne Freytag Schicht für Schicht die sorgfältig kuratierten Fassaden ihrer Figuren ab, und was darunter zum Vorschein kommt, ist ebenso menschlich wie schmerzhaft.
Ein kluger, vielschichtiger Roman über Macht und Abhängigkeit – und über die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um weitermachen zu können. Große Leseempfehlung!
[Werbung/Rezensionsexemplar. Ich danke dem Kampa Verlag und NetGalley für die kostenlose Bereitstellung des E-Books.]
Anne Freytag: Blaues Wunder. Kampa Verlag 2025 (E-Book)

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