Stell dir vor, du gehst spazieren und ein Pferd lädt dich zu einem Fest ein. Im Schloss der Angst, errichtet aus Steinen, in denen sich die Kälte des Winters speichert.
Oder stell dir vor, du sollst zu deinem Debütantinnenball, und da du selbst keine Lust dazu verspürst, schickst du statt deiner eine Hyäne aus dem Zoo dorthin. In deinem Kleid und mit dem Gesicht deines Dienstmädchens.
Oder: Du unternimmst eine Reise mit deinem exzentrischen Onkel. Sie führt euch in eigenartige Dörfer mit noch seltsameren Bewohnern. Du wirst in die Unterwelt geführt, und als du wieder auftauchst, trägst du anstelle deines eigenen Kopfes den eines Pferdes.
Klingt surreal? Ist es auch. Denn Leonora Carrington zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen des Surrealismus – und was ihre Bilder so einzigartig macht, spiegelt sich auch in ihrer Literatur wider: Eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen, in der Fremdes und Vertrautes Hand in Hand gehen.
Das Haus der Angst, eine Sammlung verschiedener Erzählungen, ist keine Lektüre für zwischendurch. Es fordert heraus, irritiert und verstört, es entzieht sich jeder einfachen Deutung.
Wer eine geradlinige Handlung und geordnete Welten erwartet, wird mit diesem Buch also vermutlich nicht glücklich. Wer indes offen und bereit ist, sich auf das Unerklärliche einzulassen, betritt einen literarischen Kosmos, den man so schnell nicht wieder vergisst: fremdartig, faszinierend und lange nachwirkend.
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Leonora Carrington: Das Haus der Angst. Aus dem Französischen und Englischen übersetzt von Heribert Becker und Edmund Jacoby. Mit einem Nachwort von Christiane Meyer-Thoss. Suhrkamp Verlag 2019. 244 S.

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